Metamorphosen des Schwarzen Quadrates

Metamorphosen
des Schwarzen Quadrates

Mehr davon hier.

Eine künstlerisch-theologische Auseinandersetzung mit Kasimir Malewitsch
Erläuterung zu den Grafiken
 
„Das Gemälde Das Schwarze Quadrat wurde zum ersten Mal am 7. Dezember 1915 bei der letzten futuristischen Ausstellung 0,10 in der Galerie Dobytčina in Petrograd (Sankt Petersburg) gezeigt. Es wurde dabei an der höchsten Stelle einer Ecke des Raums mit der Bildfläche leicht schräg nach unten befestigt, umgeben von anderen Bildern Malewitschs. Das Schwarze Quadrat nahm damit die Position ein, die in einem traditionellen russischen Haus einer religiösen Ikone vorbehalten ist.“ 
Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Das_Schwarze_Quadrat)
Hundert Jahre später, Anfang des Jahres 2015, wettert der Patriarch der russischen orthodoxen Kirche gegen das schwarze Quadrat. Kerstin Holm kommentiert im Feuilleton der FAZ:

 
„…Der Patriarch der Russischen Orthodoxen Kirche, Kirill, hat auf der jüngsten Oberpriesterversammlung im Tagungssaal der Moskauer Christi-Erlöser-Kathedrale seine Meinung über den Patriarchen der russischen Avantgardekunst, Kasimir Malewitsch, kundgetan. Malewitschs schreckliches „Schwarzes Quadrat“ sei ein getreuer Spiegel von dessen Seelenzustand, erklärte der Oberhirte russischer Christenseelen, ja, nicht nur des Künstlers selbst, sondern dessen ganzer Epoche. Man brauche nur die Muttergottesikone von Wladimir neben das Quadrat zu halten, so werde das ganze Ausmaß des sittlichen Niedergangs der Menschheit offenbar, sagte das für seine Liebe zum Luxus notorische Kirchenoberhaupt.
Der hochgebildete Kirill versteht Malewitschs hundert Jahre alte Anti-Ikone, die unweit der Kathedrale in der neuen Tretjakow-Galerie zu bewundern ist, durch historisch, Erfahrung unbesänftigt, so polemisch wie sie damals gemeint war. Der „Sieg über die Sonne“, den Malewitschs Quadratbild ursprünglich bühnenbildnerisch propagierte, bedeutete die Überwindung der die Wirklichkeit nachahmenden, also vom Sonnenlicht abhängigen Kunst durch die Anti-Sonne des menschlichen Geistes und dessen autonome Schöpfung. …“
Kerstin Holm :
https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/was-der-russische-patriarch-vonmalewitsch-haelt-13432508.html
Meine Dozentin, Doris Happel, hat mich im Zuge meines Kunststudiums an der Kunstwerkstatt der VHS-Mainz mit
Malewitsch bekannt gemacht, indem sie mich beauftragte, ein Referat über Malewitsch zu halten. Über den Künstler war damals, 2007, wenig zu erfahren. Aber was ich erfuhr, faszinierte und erschreckte zugleich.

Ich kann dem Patriarchen von Moskau die Kritik nachempfinden und da ich nicht weiß, was er exakt gesagt hat, mag ich ihn nicht kritisieren.

Ich denke aber, der Künstler Malewitsch drückt etwas aus, was in der Welt vorhanden ist. Und wenn der Patriarch den Seelenzustand Malewitschs beklagt, dann mag der Patriarch möglicherweise auch recht haben. Aber soweit ich mich erinnere, geht Jesus, in dessen Nachfolge er sich sieht, dem verloren Schaf nach und tröstet es, als er es findet. Auch redet er mit der Ehebrecherin am Brunnen und manch anderem Menschen und geht auf sie zu, spricht mit ihnen und gewinnt so auch Einsichten, die ihn überzeugen, weiterbringen.

Mit der Schöpfung Malewitschs, dem schwarzen Quadrat, das er ganz kühn an die Stelle der Ikone im russischen Haus hängt, das ihm ein Sieg des autonomen Verstandes des Menschen über die Sonne und die Dinge, die sie sichtbar werden lässt, ist, kommt eine Idee in die Welt, der es nachzuspüren gilt. Jedenfalls denke ich darüber nach, seit ich davon erfahren habe.
Als ich mein Referat damals hielt, dachte ich auch darüber nach, dass diese Künstler ihre 
Kunstwerke nicht vorne signiert haben. Ganz genauso wie auch Ikonenmaler ihre Ikonen nicht signieren. Das hat den Grund, dass die Aussagekraft dieser Bilder durch eine Signatur völlig zerstört würde.

Ich fragte mich, welche Signatur auf einem solchen Bild möglich würde. Und mir kam die Idee, in das Quadrat das S.D.G., das Soli Deo Gloria (Allein Gott sei Ehre) zu setzten, mit dem Johann Sebastian Bach seine Werke unterschrieb, als der einzigen Signatur, die hier passen würde. Und nicht rechts unten wäre sie zu setzen, sondern mitten in das Zentrum des Bildes.

Ich malte flugs ein solches Bild und stellte es mit dem Referat in der Kunstwerkstatt vor.
Später kam mir der Gedanke, dass das Quadrat in der Schöpfungsgeschichte als die Finsternis, aus der Gott die Welt erschuf, seinen symbolischen Platz hat oder auch den Karfreitag, den Tag des Todes Gottes, bezeichnen kann.

Dann habe ich begonnen, die Schöpfung aus dem Quadrat zu malen. In meiner Fantasie kann man die ganzen biblischen Symbole in dieses schwarze Quadrat malen und damit das schwarze Quadrat verändern, ihm einen tiefen Sinn geben.
Das ist doch der Sinn allen Glaubens und unseres Lebens hier auf Erden mit seinen Schmerzen und seinen Freuden, dem allen einen Zusammenhang und Sinn zu geben. Wenn ich nicht mal künstlerisch in der Lage bin, ein schwarzes Quadrat zu integrieren, wie kann ich dann in der Lage sein, all die Menschen zu integrieren, die im Finstern sitzen.

Ich erinnere mich noch gut an eine Gruppenstunde Kunsttherapie in einer Klinik, in der ich Heilung suchte. Ein Mitpatient hatte seine Situation mit einer schwarzen Sonne ausgedrückt. Eine Mitpatientin, die das Bild sah und beschreiben wollte oder sollte, konnte nur stammeln, so entsetzt war sie von diesem Bild.

Wer war nun kränker? Der, der die Sonne schwarz malte, oder die, die ein solches Bild nicht aushalten konnte?
Bezogen auf Malewitsch und den Patriarchen kann man sich diese Frage auch stellen.
In der Gruppentherapie in der Klinik hatten wir alle eine eindeutige Diagnose.

Die Grafiken "Metamorphose des Schwarzen Quadrats" sind  ein Spiel zwischen Schwarz und Weiß, Finsternis und Licht, zwischen konkreter und figürlicher Kunst, der Autonomie des menschlichen  Geistes und der Strahlkraft des göttlichen Geistes.

Die Sonne lässt sich nun mal nur momenthaft besiegen. Gott sei Dank.
 
Die Bilder sind ursprünglich mit Tinte auf Papier gezeichnet und dann mit Photoshop bearbeitet. Sie sind 29x29 cm groß und 2019 entstanden.